Narzissmus ist in aller Munde: Ob es um die polternde Chefin, diesen verrückten Präsidenten, die selbstverliebte Freundin oder den ausgeflippten Youtuber geht, und egal ob von “Ghosting”, “Orbiting”, “Red Flags” oder “Gaslighting” die Rede ist - irgendwie scheinen immer Narzissten ihre Finger mit im Spiel zu haben. Selbstbespiegelungen aller Art durchziehen Instagram-Storys und Podcasts. Kaum eine Netflix-Serie scheint ohne narzisstische Hauptfigur auszukommen. In unzähligen Online-Foren und Selbsthilfebüchern wird vor toxischen Beziehungen mit narzisstischen Partnern, Freunden und Kollegen gewarnt.
Aber was ist das eigentlich - Narzissmus? Und was kann uns die Wissenschaft zu diesem allgegenwärtigen Phänomen sagen? Ich bin seit Jahren fasziniert von Narzissten, von Menschen, die nicht “ich?” fragen, sondern “Ich!” in die Welt rufen - großgeschrieben und mit Ausrufezeichen. In meiner Forschung untersuche ich, warum Narzissten sich so liebend gern selbst darstellen und warum sie so sehr aus der Haut fahren können, wenn ihnen dabei jemand in die Quere kommt. Ich analysiere, wie sich Narzissmus im Laufe des Lebens verändert und was die Entstehung eines Ich! begünstigt. Und schließlich erforsche ich, welche positiven und negativen Konsequenzen Narzissmus hat - für das eigene Glücklichsein, Freundschaften, Liebesbeziehungen, Erfolg im Beruf und Reaktionen auf gesellschaftliche Krisen.
Ein paar Ich!-Highlights habe ich hier zusammengestellt:
Wir haben immer wieder den momentanen Selbstwert von knapp 600 Versuchspersonen erfasst - mithilfe von Online-Tagebüchern, einer Smartphone-App und während Interaktionen im Labor.
Narzissten fühlten sich im Schnitt besser und schwankten nicht mehr als andere in ihrem Selbstwert. Die narzisstische Tendenz zur Selbstdarstellung war sogar mit weniger Schwankungen verbunden. Erst wenn immer wieder Kritik und Gegenwehr ins Spiel kommt, geraten Narzissten ins Wanken.
Es steckt keine wackelige Unsicherheit hinter dem Ich!. Im Gegenteil sogar: Narzissten sind meistens zufriedener mit sich selbst als andere. Unsicherheit zeigt sich erst, wenn das Ich! immer wieder mit Ellbogen kämpfen muss und dabei ins Straucheln gerät.
Mit verschiedenen Tests haben wir die Empathiefähigkeit von über 600 mehr oder weniger narzisstischen Menschen gemessen - zum Beispiel sollten sie in einem Video von einer Dinnerparty immer wieder erraten, was die einzelnen Personen wohl gerade denken, wollen und fühlen.
Narzissten waren nur einen kleinen Tick schlechter darin, die Gedanken, Motive und Gefühle anderer nachzuvollziehen.
Narzissten sind nicht im emotionalen Blindflug unterwegs, häufig ist ihnen nur anderes wichtiger, als die Befindlichkeiten der anderen.
Zuerst haben wir Umfragen dazu gemacht, wie narzisstisch Einzelkinder und Geschwisterkinder von der Bevölkerung eingeschätzt werden. Danach haben wir die tatsächlichen Narzissmuswerte von Einzelkindern und Geschwisterkindern mit einer großen Stichprobe der Allgemeinbevölkerung verglichen.
Das Stereotyp der narzisstischeren Einzelkinder ist in der Bevölkerung weit verbreitet (vor allem unter Geschwisterkindern). Es ist aber falsch!
Einzelkinder sind nicht mehr oder weniger narzisstisch als Geschwisterkinder.
Mit einer Sprachanalyse-Software haben wir Texte von über 4.800 Personen untersucht: kurze Selbstvorstellungen, Essays, Berichte über die eigenen Hobbies und Vorlieben, Skripte des lauten Denkens und sogar Transkripte von Aufnahmen aus dem realen Leben der Personen.
Narzissten verwendeten mehr optimistische und weniger angstbesetzte Worte. Sie formulierten selbstsicherer und ließen einschränkende Worte wie »vielleicht«, »eventuell« oder »möglicherweise« einfach weg. Sie sprachen mehr über ihre Leistungen und weniger über das Zuhause, verwendeten mehr sexuelle Wörter und fluchten mehr.
Auch wenn Narzissten interessanterweise gar nicht häufiger “ich” sagen: Narzissmus lässt sich auch an der Sprache erkennen.
Wir haben über 50 Gruppen aus jeweils sechs einander völlig unbekannten Personen dreimal zu uns ins Labor eingeladen, jeweils mit einer Woche Abstand. Dort haben sie immer wieder neue Aufgaben bearbeitet und es wurde wie im echten Leben immer intensiver: vom kurzen ersten Kennenlernen über die Lösung von Gruppenaufgaben bis hin zur hitzigen Diskussion moralischer Dilemma. Nach jeder Aufgabe wurden die Teilnehmer befragt, wie sympathisch sie die jeweils anderen finden und alle Treffen wurden mit mehreren Kameras gefilmt.
Die Narzissten unter den Teilnehmer:innen waren zu Beginn beliebter, weil sie bei der anfänglichen Vorstellungsrunde charmanter und selbstbewusster auftraten. Im Verlauf der Treffen hat sich das aber abgenutzt und sie wurden immer unbeliebter, vor allem, weil sie sich in kritischen Situationen arrogant und aggressiv verhielten.
Narzissten begeistern beim ersten Kennenlernen, aber gehen danach oft zunehmend auf die Nerven - kein Wunder, dass sie sich immer wieder neue soziale Gruppen suchen.
Wir haben Kleingruppen bei der gemeinsamen Bearbeitung der sogenannten Lost on the moon task gefilmt (insg. über 300 Personen): Sie mussten sich darauf einigen, welche Gegenstände von einer Liste für eine gemeinsame Mondmission am wichtigsten wären. Auf der Liste standen zum Beispiel eine Streichholzschachtel, ein tragbares Heizgerät, eine Dose Trockenmilch, Sauerstoffflaschen, ein Magnetkompass und 20 Liter Wasser. Am Ende gaben alle Gruppenmitglieder an, wie sehr sie sich die einzelnen anderen Gruppenmitglieder als Führungsperson vorstellen könnten.
Diejenigen Personen, denen die anderen Teilnehmer die größten Führungsqualitäten zuschrieben, waren meist nicht nur attraktiver und intelligenter, sondern auch narzisstischer als die anderen. Narzissten waren aktiver, ergriffen häufiger das Wort und bestimmten die Diskussion. So wirkten sie führungsstark. Gleichzeitig verhielten sie sich arroganter und aggressiver. Das hat dem Ich!-Image »Führungskraft« aber nicht geschadet.
Es ist das selbstsichere und dominante Auftreten von Narzissten, das ihnen die von ihnen so ersehnten Führungspositionen verschafft.
Hier geht es zu meinem Buch Ich! Die Kraft des Narzissmus, in dem ich wissenschaftlich fundiert beschreibe, was Narzissmus überhaupt ist - und wo er herkommt. Dadurch entsteht ein völlig neues Bild des Narzissmus. Es geht um Beziehungen mit Narzissten, Narzissten am Arbeitsplatz, Narzissten in der Politik, Narzissten auf Social Media, und vieles mehr.